Hier geht es darum, was alles unter Freiarbeit verstanden wird und ob die Unterrichtsmethode Freiarbeit wirklich besonders empfehlenswert ist.
Es wird besprochen, was Freiarbeit erst zu echter Freiarbeit machund was Freiarbeit erschweren oder qualitativ gute Freiarbeit sogar verhindern kann.
Was ist Freiarbeit?
Freiarbeit gibt es heute in scheinbar vielen unterschiedlichen Formen - oder zumindest findet in den unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen unter der Bezeichnung Freiarbeit Unterricht in vielfältigstenen Ausrichtungen statt.
Das Grundkonzept jeglicher als Freiarbeit bezeichneten Unterrichtsmethode jedoch geht auf Ideen der Reformpädagogik um die Jahrhundertwende zurück.
Hervorstechendes Merkmal dieser auf individuelle Förderung ausgerichteten Methode: den Kindern wird die Freiheit zugestanden, Lerninhalte und Lösungswege selbstständig auszuwählen. "Frei-" in Freiarbeit bedeutet: Kinder sind weitgehend frei in der Gestaltung ihres persönlichen Lernpozesses. Ein Teil der Verantwortung für ihr Lernen wird in die Hände der Kinder selbst gelegt. Jedes Kind wählt während der Freiarbeit die Herangehensweise an ein Lernthema und das entsprechende Freiarbeitsmaterial selbstbestimmt und eigenständig aus.
Die "Freie Arbeit" - wie die Pädagogin Maria Montessori sie nannte - wird in der Bildungspraxis fast durchgehend Freiarbeit genannt. Sie ist grundlegender Bestandteil der Montessori-Pädagogik, hat sich in aber wie gesagt in verschiedenen Ausprägungen auch in etlichen anderen Bereichen der modernen Pädagogik etabliert. Ob in der Vorschule, im Kindergarten, in der Grundschule bzw. Volksschule oder in den weiterführenden Schulen: Offener Unterricht und individuelle Förderung gewinnen einen immer höheren Stellenwert und mit ihr Freiarbeit als die geeignete Lernform.
Freiarbeit ist also eine ganz bestimmte Unterrichtsmethode. Freiarbeit gehört wie beispielsweise der Projektunterricht oder die Arbeit mit dem Wochenplan zu den Methoden des Offenen Unterrichts. Freiarbeit ist kein eigenständiges Unterrichtsfach, sondern eine Methode, deren Fokus auf dem selbstbestimmten, selbstständigen Lernen liegt.
Freiarbeit im Unterricht bedeutet, dass die Lernenden während der für die Freiarbeit vorgesehenen Zeit:
- das Lerntempo selbst bestimmen,
- die Lernstoffinhalte gemäß ihrer Fertigkeiten auswählen,
- den Arbeitsplatz und eventuelle Lernpartner selbst bestimmen,
- das angebotene Freiarbeitsmaterial und die Lernmethode selbst organisieren.
Freiarbeit wird in der Regel in bestimmten, für Freie Arbeit reservierten Zeitphasen in den Regelunterricht integriert, und zumeist sind auch mehrere Fächer beteiligt, deren Inhalte gefestigt, vertieft und nach eigenem Interesse weiter verfolgt werden sollen.
Nur in ihrer radikalen Form ist Freiarbeit durchgängiges Unterrichtsprinzip.
Historisch gesehen basiert Freiarbeit auf dem Menschenbild und den Konzepten der Reformpädagogik um die Jahrhunderwende. Sie geht auf verschiedene Pädagogen zurück, die unter anderem unter dem Schlagwort Freiarbeit neue Lehr- bzw. Lernformen für einen kindgerechteren Unterricht entwickeln wollten.
In ihrer Forderung nach stärkerer Orientierung des Unterrichts an den Lernenden scheint diese Pädagogik jedoch heute aktueller denn je (vgl. hierzu auch Klein-Landeck, Michael: Adler steigen keine Treppen, web-Dokument 2010). Angesichts der geringen Halbwertzeit unseres Wissens sehen wir uns mit der Ungewissheit darüber konfrontiert,welche Schlüsselqualifikationen zukünftig für eine erfolgreiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erforderlich sein werden. Deshalb gewinnt neben der Wissensvermittlung zunehmend die Aufgabe an Bedeutung, Kindern das Lernen selbst zu lehren: Lernende sollen befähigt werden, sich in unserer Informationsgesellschaft orientieren zu können, sie sollen die Fähigkeit zur Informationsbeschaffung, -verarbeitung und -weitergabe erwerben. Diese Schlüsselqualifikationen aber gelten als zentrale Elemente von Freiarbeit - ebenso wie die anderen herausragenden Bildungsziele des 21. Jahrhunderts: Selbstständigkeit, Eigenverantwortung, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, Kreativität und Problemlösefähigkeit.
Heterogenität und Differenzierung sind weitere Zentralbegriffe aktueller Bildungsdiskussionen. Viele erhoffen sich deshalb insbesondere von denjenigen Unterrichtskonzepten eine nachhaltige Vermittlung zukunftsfähigen Wissens, die auf eine stärkere Individualisierung der Lernprozesse setzen: wie in der Freiarbeit auch soll ausschlaggebend für die Gestaltung persönlicher Lernbiographien die Berücksichtigung von Vorkenntnissen, Interessen, Lernvoraussetzungen, Lernstrategien und Leistungsstärken sein. Neuere Forschungsergebnisse scheinen den Nutzen binnendifferenzierender Lernformen zu belegen: „Lernen kann jeder und jede nur selbst, darum ist das Lernen im Kern ein Prozeß individuellen Aneignens. Der Erfolg schulischen Lernens ist abhängig von der Anpassung der Lernumwelten und Instruktionen an die individuellen Unterschiede von Schülerinnen und Schülern“ (Bildungskommission NRW: Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft. Denkschrift der Kommission „Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft“ beim Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Neuwied 1995, S.94).
Freiarbeit zählt zweifellos zu den wichtigsten binnendifferenzierenden Unterrichtsformen, denn hier werden Kinder zum selbstständigen Planen, Ausführen und Bewerten ihrer Arbeit angeleitet und zu sachlich-kooperativem Lernverhalten erzogen. Die Lehrkraft als Berater während der Freiarbeit, attraktive Lernumgebungen für die Freiarbeit, die weitgehend freie Verfügung über Lernzeiten, lernzieldifferente Arbeit, die Befähigung zur Selbstevaluation - all diese Eckpunkte moderner Pädagogik sind in reformpädagogischen Freiarbeits-Konzepten seit langem Realität (vgl. hierzu auch Klein-Landeck, Michael: Adler steigen keine Treppen, web-Dokument 2010).
Die historische Entwicklung von Freiarbeit
Freiarbeit hat geschichtlich gesehen drei Hauptwurzeln, die gleichzeitig mit drei führenden Köpfen der Reformpädagogik verbunden sind: der italienischen Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870-1952), dem deutschen Erziehungswissenschaftler Peter Petersen (1884-1952) und dem französischen Schulreformer Célestin Freinet (1896-1966).
Die Freinet-Pädagogik ist ein ein klassischer, reformpädagogischer Ansatz - diese Pädagogik und einige Ansätze zum Schriftspracherwerb, die Freinets Konzeption weiter entwickelt haben, sind die erste historische Wurzel der Freiarbeit.
„Die Freinet-Pädagogik ist durch eine besondere Geisteshaltung bestimmt: So sind Lernprozesse immer individuell, jeder Lernende hat das Recht auf seinen eigenen Lernrhythmus, seine eigene Zeiteinteilung, sein eigenes Ermessen des Lernerfolgs. Das Lernen ist auch nicht an Konkurrenz, sondern an der Kooperation zwischen allen Beteiligten orientiert. Soziales Lernen erfolgt durch das Erfahren von sozialen Rollen innerhalb der Gruppe.“Freiarbeit hingegen war für Montessori die grundlegende Lernform, die den unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen der Schüler durch weitgehende Individualisierung entspricht.
Sie nannte sie "Freie Arbeit". Montessoris Ansatz der Freien Arbeit hat sich als Montessori-Methode in der Pädagogik etabliert.( Vgl. zum heutigen Ansatz weiterführend insbesondere:http://www.montessori-deutschland.de)
Doch bei Montessori dient die Freiarbeit – oder „Freie Arbeit“– nicht nur der Individualisierung, sondern gleichzeitig immer auch der Gemeinschaftsbildung: „Jedes Lernen erfolgt immer in Beziehung zu anderen Personen, in der Schule vor allem im Umgang mit anderen Kindern. [Montessori …] stellte Umgangsregeln zur gegenseitigen Hilfe und Unterstützung auf. Sie versuchte auch, Behinderte in die Schule zu integrieren. Montessori verstand unter Bildung die Entfaltung jedes individuellen Menschen, welcher sich gegenüber seinen Mitmenschen sozial und loyal verhält. Gemeinschaftsbildung war für sie soziales Lernen mit verpflichtendem Charakter.“ (Seilnacht, s.o.)
Freinet verlangt die Abkehr von einer Pädagogik, die Kinder nach vorgegebenen Vorstellungen formen will, anstatt sich an ihren unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Interessen zu orientieren. Diese Forderung beruht auf seiner Beobachtung, dass Kinder nicht im Gleichtakt, sondern auf sehr individuelle, kaum vorhersehbare oder zuverlässig zu beeinflussende Weise lernen.Der zweite Ursprung der Freiarbeit ist diejenige Lehrmethode, die Maria Montessori (1870-1952) entwickelte. Sie war Ärztin und Professorin für Anthropologie und Pädagogik in Italien. sie teilt Freinets Kritik an einer Pädagogik, die individuellen Unterschieden im Lernverhalten nur unzureichend Rechnung trägt. Unter anderem bemängelt sie das Fachlehrer-Prinzip: "In jeder Stunde wechseln Lehrer und Unterrichtsstoff; sie wechseln ohne sinnvollen Zusammenhang. Man kann sich in einer Stunde nicht völlig auf einen neuen Gedankenumstellen. Hat man sich aber darauf eingestellt, kommt sogleich in anderer Studienrat, der ein anderes Fach lehrt. Und in dieser geistigen Hetze läuft diese schwierige Periode des menschlichen Lebens ab." (Montessori, 1993, S. 133)
Auch die zeitliche Stückelung des Lernens in 45-Minuten-Abschnitte ließe die Bedingungen kindlicher Lernprozesse weitgehend unberücksichtigt. Peter Petersen, ein weiterer Reformpädagoge, wird dies später "Fetzenstundenplan" nennen und zu bedenken geben, dass dieser die Kinder geradezu daran hindere, intensiver und tiefer in ein Thema einzudringen.Maria Montessori kritisiert zudem die Einteilung des Unterrichts in für alle Lernenden gleich und gleichzeitig gesetzte Phasen:„Die Lehrerin meint, das Kind vom Leichten zum Schwierigen, vom Einfachen zum Verwickelten in langsamen Schritten führen zu müssen, während das Kind vom Schwierigen zum Leichten fortschreiten kann und große Schritte macht. Ein weiteres Vorurteil solcher Lehrer ist die Ermüdung. Ein Kind, das sich für seine Tätigkeit interessiert, macht ohne zu ermüden immer weiter; wenn der Lehrer es alle paar Minuten zum Wechseln und Ausruhen zwingt, verliert das Kind allerdings das Interesse und wird müde. (...) Die meisten modernen Bildungsanstalten haben dieses Vorurteil bezüglich der Notwendigkeit von Ruhepausen (...)- mit verhängnisvollen Ergebnissen“ (Montessori 1998, S. 118f).
Peter Petersen schließlich ersetzte seinerzeit den Stundenplan des Regelunterrichts durch einen Wochenplan. Für die für die Wochenplanarbeit vorgesehenen Stunden erstellen die Kinder selbst einen Arbeitsplan. Sie teilen sich die Zeit für jede Woche selbst ein und legen fest, was sie tun möchten. Im Laufe der Woche dokumentieren sie ihre Planung und ihre erledigten Arbeiten in einem dafür vorgesehenen Heft.
Im Zentrum aller Konzepte der Freiarbeit steht das Kernziel, den Lernenden ein großes Maß an Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zuzugestehen. Das soll ihm einen persönlichen Freiraum einräumen, in dem er selbst seine individuellen Lernprozesse eigenverantwortlich gestalten und in seiner gesamten Persönlichkeit wachsen kann. Um die Gesamtpersönlichkeit in ihrer Entwicklung zu fördern, muss Freiarbeit aber eine Arbeitsform sein, die Individualisierung und gleichzeitig Gemeinschaftsbildung ermöglicht, indem Freiarbeit „[…] dem Kind ein differenziertes Lernangebot macht, ihm Verantwortung für seinen eigenen Lernprozess überträgt und ihn soziale Rollen vor allem mit den Gleichaltrigen erfahren lässt. (vgl. Seilnacht, s.o.)
Die unterschiedlichen Ansätze der Freiarbeit beruhen alle auf der Erkenntnis, dass jeder Mensch seine individuelle Art hat, Dinge zu lernen, und dass deshalb selbstbestimmte Lernprozesse nicht nur zu höherem Lernzuwachs führen, sondern auch zu besserem Sozialverhalten.
Mit dieser Botschaft sind die Reformpädagogen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die Verschulung des Lernens im Kaiserreich angetreten.
Sie plädierten für eine eine Unterrichtsform, die dem natürlichen Lernverhalten der Kinder gerecht werden soll: Freiarbeit bzw. Freie Arbeit.
Unter den Nationalsozialisten verlor das Konzept der Freiarbeit seine Bedeutung. Es wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder aufgegriffen und findet heute vor allem in der Freinet-Pädagogik und im Offenen Unterricht Anwendung.
Freiarbeit wurde ab den 60er Jahren noch vorwiegend in privaten Schulen in reinen Montessori-, Freinet- oder Jena-Plan-Klassen eingeführt. Doch in der nach der Pisa-Depression folgenden Aufbruchstimmung erobern reformpädagogische Ideen zunehmend staatliche Schulen, die sich aus den verschiedenen Ansätzen und Ideen oft auch ihre ganz individuellen Freiarbeits-Konzepte entwickeln. (Viele von ihnen haben sich im Schulverbund „Blick über den Zaun“ zusammen geschlossen.)
Ziele der Freiarbeit
Allen reformpädagogischen Ansätzen gemeinsam ist die Leitidee, dass der Lernende nicht wegen des Lernstoffes, sondern um seiner selbst willen und für die Gestaltung seiner eigenen Persönlichkeit lernt. Montessori spricht davon, dass das Kind „Schöpfer seiner selbst“ und „Baumeister seines Lebens“ sei.
Gleichzeitig basiert Idee der Freiarbeit auf der Grundannahme, dass der entscheidende Faktor im menschlichen Lern- und Entwicklungsprozess die Eigentätigkeit des Subjekts ist. Daher wollen diese Reformpädagogen Kinder beim Lernen selbst aktiv werden lassen und ihnen begleitend dabei helfen, „es selbst zu tun“ (Montessori).
Hauptziel der Freien Arbeit ist es also, mittels selbstverantwortlichen Lernens und sozialer Interaktion die eigenständige Entwicklung der Persönlichkeit von Kindern zu fördern.
Den Kernideen der Reformpädagogik nach sollen Lehrkräfte dem einzelnen Kind dabei helfen, seinen ganz individuellen Weg zu finden und zu gehen.
Hierfür schaffen die Pädagogen allerdings einen durchdachten Rahmen, die sogenannte "Vorbereitete Umgebung." In dieser speziell gestalteten Lernumgebung ermöglicht das didaktisch ausgeklügelt gestaltete Freiarbeitsmaterial den Kindern auf vielfältige Weise individuelle Lernerfolge. Anders als im klassischen Stundenplan der Regelschule, sind hier weder Zeitpunkt noch Dauer oder die Art und Weise vorgegeben, in der Lerninhalte vermittelt und aufgenommen werden sollen. Freiarbeit ist somit eine Arbeitsform, die es den Kindern im Unterricht erlaubt, ihren individuellen Bedürfnissen gemäß zu lernen.
In der Gestaltung der vorbereiteten Umgebung liegt nach Montessori denn auch eine der Hauptaufgaben der Lehrkraft. Sie ist eine bewusst und sorgfältig gestaltetet Lernumgebung und umfasst sowohl das Klassenzimmer als auch die weitere Schulumgebung. Sie ist Lebens-, Lern- und Entwicklungsraum - eine sorgsam angelegte Lernlandschaft, die mit ihrer räumlichen Aufteilung, ihren Farben und Formen, ihrem Mobiliar und den angebotenen Lernmaterialien den individuellen Interessen und Lernausgangslagen der Schüler sowie ihrer Lebenswirklichkeit angepasst ist.
Die vorbereitete Umgebung wird vorrangig durch die Persönlichkeit der Lehrkraft, die Gestaltung des Erfahrungsraums und das angebotene Freiarbeitsmaterial bestimmt.
Die vorbereitete Umgebung ist als eine Art Übungsplatz zu denken, als ein hochentwickelter Abenteuerspielplatz, auf dem während der Freiarbeit auf spielerische Weise folgende Kompetenzen der Kinder gestärkt werden sollen (vgl. Burmester 2010 und Seilnacht, s.o.):
Sozialkompetenzen
- Empathiefähigkeit
-Teamfähigkeit, Kooperationsfähigkeit
- Kommunikationsfähigkeit
- Fähigkeit zur Entscheidungsfindung
- Verantwortungsbewusstsein
Methodenkompetenzen- Wie verarbeite ich Informationen?
- Entwicklung von Lernstrategien
- Problemerkennung
- Verantwortungsübernahme
- Konfliktlösung
- Lösungswege finden
Fachkompetenzen- Vertiefung von Wissen, Einübung instrumenteller Fähigkeiten
- kritische Prüfung der Ergebnisse
- Wissen/Fähigkeiten selbst aneignen und anwenden
Selbstkompetenzen
- Selbständigkeit
- Reflexionsfähigkeit
- Gesprächsfähigkeit: Wünsche/Bedürfnisse äußern
- Stärken und Schwächen erkennen
- Fühlen/Denken/Handeln
- Neigungen/Begabungen leben
Doch auch die Lehrkraft ist nicht ausschließlich beratend und unterstützend andiesen Prozessen beteiligt. Auf die Lehrer-Schüler-Beziehung hatdie Freiarbeit folgende Auswirkungen:
- Lehrer und Schüler erfahren sich gleichermaßen als Lernende
- Verbesserung der Lehrer-Schüler-Beziehung (bessere Gesprächsmöglichkeiten)
- Weiterbildung der Kompetenz des Lehrers (vgl. Seilnacht, s.o.)
Die vorbereitete Umgebung bietet als Lernlandschaft didaktisch sorgfältg gestaltete Freiarbeitsmaterialien, die die Kinder für ihre selbständige Arbeit brauchen. Diese Lernmittel sind kein Anschauungsmaterial, das die Lehrkraft für Erklärungen benutzt. Sie sind vielmehr Erfahrungsmaterial, das die Kinder handelnd entdecken.
Innerhalb des Freiarbeitsmaterial-Angebots können die Schüler gewünschte Aufgaben völlig frei auswählen. Dabei kann das Material Bezug zum Unterricht haben oder über diesen hinausgehen. Es kann zum Üben und Vertiefen bereits bekannter Inhalte dienen oder die Kindern motivieren, ihnen unbekannte Lernbereiche auf kreative oder experimentelle Weise zu erforschen. Die Kinder holen sich die dafür nötigen Materialien und arbeiten mit ihnen an einem von ihnen selbst gewählten Arbeitsplatz. Jedes Kind bestimmt dabei auch sein eigenes individuelles Lerntempo und ob es in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit lernen will.
Diese Wahlfreiheit ist für die Freiarbeit entscheidend: das selbsttätige Arbeiten im Unterricht ist durch ein Höchstmaß an individueller Freiheit geprägt, mit der jeder Schüler verantwortlich umzugehen lernt.
So gibt es in der Freiarbeit weitgehende Freiheiten in der Wahl...
• des Lerngegenstandes: Schüler wählen in der Freiarbeit aus dem Angebot der Lernumgebung einen Lerngegenstand aus, der ihren persönlichen Interessen und Lernvoraussetzungen in besonderem Maße entspricht. Damit legen sie sich auf ein Fach oder fächerübergerifendes Thema fest, wählen den geeigneten Schwierigkeitsgrad der Aufgabe und das Ziel des Arbeisvorhabens. Sie bestimmen selbst, ob sie sich eigenständig etwas Neues erarbeiten oder Bekanntes wiederholen und vertiefen wollen.
• der Sozialform: Die Schüler entscheiden selbstständig, ob sie allein, mit einem Partner oder in der Gruppe arbeiten wollen.
• der Zeit: Schüler dürfen nach individuellem Lerntempo arbeiten und die Arbeitsdauer selbst festlegen. Sie sind frei in Rhythmus und Gestaltung ihrer Pausen, solange sie niemand anderen bei seiner Arbeit stören.
• des Arbeitsortes: Auch hier haben Schüler weitgehende Freiheit. Sie dürfen im Klassenzimmer, oft auch auf dem Flur oder etwa in der Bibliothek oer Lernwerkstatt ihren Arbeitsplatz wählen. Oft dürfen und sollen sie sogar andere Klassen aufsuchen (Prinzip der offenen Türen).
Jede reformpädagogische Unterrichtspraxis weist hier eigene Besonderheiten auf: Kennzeichen der Montessori-Klasse ist die Arbeit mit didaktischem Material in einer Vorbereiteten Umgebung, an Petersens Jena-Plan- Schule dominiert das individuelle Lernen an gemeinsamen Themen im Gruppenunterricht und bei Freinet steht das entdeckende Lernen in Ateliers im Zentrum.
Kindern, die noch nicht völlig selbständig arbeiten können, werden konkrete Aufgaben zugeteilt. Oder es wird zusammen mit ihnen herausausgearbeitet, welche Aufgaben für sie von Interesse sind.
Dabei ist die „[…] Konzentration auf wesentliche Themeninhalte von zentraler Bedeutung. Das Wort Vollständigkeit bedeutet in diesem Sinne nicht die Erfüllung aller Themeninhalte eines Bildungsplanes, sondern die ganzheitliche Durchdringung eines Unterrichtsinhaltes durch vertiefendes Lernen (siehe Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg, S. 11). Dazu gehört auch der fächerverbindende Unterricht, der ein vernetztes Lernen ermöglicht. Eine Freiarbeitseinheit sollte in diesem Sinne immer mit einen offenen Blick auf andere Fächer geplant werden.“ (Seilnacht, s.o.)
Alle Lernende sollen durch die Freiarbeit ihre individuelle Lernbedürfnissen entdecken und ihnen folgen dürfen und so ganz eigene Lernwege gehen. Jedes Kind gestaltet auf diese Weise seine ganz individuelle Lernbiographie.
Freiarbeit ermöglicht auf diese Weise Differenzierung und Individualisierung hinsichtlich Interessen, Lerntempo, Lerntyp und Leistungsfähigkeit der Lernenden.
Sie fördert gleichzeitig selbstständiges, eigenverantwortliches und dabei konzentriertes und zielorientiertes Lernen.
Zur „Vorbereiteten Umgebung“ gehört aber nicht allein die räumliche Gestaltung und die Ausstattung mit Lernmaterialien für Aktivitäten, sondern auch eine möglichst anregende soziale Umwelt. Für ihre Entwicklung und die Entfaltung ihrer sozialen Fähigkeiten bedarf das Kind der anderen Kinder und der Lehrkräfte. Lernanreize werden durch heterogene Gruppen erhöht! Soziales Leben und Lernen wird vielfältig bestimmt durch die Verschiedenheit der Charaktere und Altersstufen. Deswegen bleiben in vielen Schulen während der Freiarbeit die Türen der verschiedenen Lernräume offen oder es gibt generell jahrgangsgemischte Klassen.
Die Lehrkraft ist dabei ganz wesentlich am Geschehen der Freiarbeit beteiligt. Allerdings ist sie nicht mehr in erster Linie die Lehrkraft für Planungs- und Entscheidungsprozesse verantwortlich. Nach Montessoris Leitsatz „Hilf mir es selbst zu tun!“ ist die Lehrkraft Entfalterin derjenigen Möglichkeiten, welche im Lerner verborgen sind. Sie übernimmt eher die Rolle einer Beraterin und Begleiterin. Sie sucht geeignetes Material für die Freiarbeit aus, stellt es in geeigneten Organisationsformen zur Verfügung und führt die Lernenden in die Handhabung der Freiarbeitsmaterialien ein. Schließlich beobachten sie die Kinder während der Freiarbeit genau, um gegebenenfalls Hilfestellung zu geben, zu beraten, zu bestärken und zu ermutigen. Auch für die Vermittlung in Konflikten zwischen Kindern steht sie bereit.
Hierarchische Strukturen in der Beziehung Lehrer-Lerner können durch diese Rollenverteilung (teilweise) aufgelöst werden.Mangelt es den Kindern jedoch an Eigeninitiative, Konzentrationsfähigkeit oder Anstrengungsbereitschaft, so wird die Lehrkraft als lenkende Stütze gebraucht.
Die Pädagogen nehmen sich während der Freiarbeit zurück, wirken optimalerweise als Berater: begleitend, unterstützend und ermutigend.
Lehrkräfte sollen nach Montessori den Kindern aber auch als "Hüter der Ordnung" zu Sorgfalt, Ordnungssinn und Selbstdisziplin verhelfen, damit sie das Glücksgefühl des Lernerfolgs erfahren können.
Schließlich sollen sie ihnen Erfahrungen mit sich und anderen innnerhalb einer Gemeinschaft ermöglichen und die Vermittlung von Wissen nutzen, um sie in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken.
Lehrkräfte, die auf Freiarbeit setzen, sind davon überzeugt, dass Lernende, die sich auf ihre individuelle Weise mit dem Lernstoff auseinandersetzen:
- aktiv lernen
- interessierter und aufmerksamer lernen
- Erkenntnisse und Fakten besser behalten
- ihre Persönlichkeit umfassender entwickeln
- insgesamt einen höheren Lernzuwachs erzielen
Durch die selbsttätige Auseinandersetzung mit ihrer Lernumgebung werden Kinder selbständiger, lernen selbst zu planen, Lösungen zu finden, Verantwortung zu übernehmen und auch ohne Lehrer aktiv zu sein.
Dabei soll die Stärkung des Ichs und des Individuums nicht dazu führen, dass die Bedürfnisse anderer übersehen werden. Durch die auf verschiedene, auch kooperative Sozialformen angelegten Organisationsformen der Freiarbeit werden nebenbei auch die Fähigkeit, Regeln und Abläufe einhalten zu können, werden Rücksichtnahme, Selbstvertrauen, Ehrlichkeit und Kritikfähigkeit der eigenen Arbeit gegenüber sowie kooperatives Verhalten trainiert und gestärkt. Ein Aspekt, auf den gerade auch neuere Bildungstheorien Wert legen: in einer demokratischen Gesellschaft können mitbestimmungsfähige und handlungsfähige Menschen ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten nur verwirklichen, wenn sie untereinander kooperieren. (Klafki, Neue Bildungstheorien und Didaktik, S. 56)
Nach welchen Regeln funktioniert Freiarbeit?
Die Bezeichnung "Freiarbeit" hat Maria Montessori selbst nicht verwendet. Den Konzenpten der "Freien Arbeit" bei Montessori und der "Freiarbeit", wie sie seit der modernen Refompädagogik entwickelt wurde, liegt aber derselbe pädagogische Ansatz zugrunde: Ausgangspunkt sind die zugestandenen Freiheiten in der Gestaltung einer persönlichen Lernbiographie. So darf beispielsweise auch die Sozialform frei gewählt werden: allein, in der Partnerarbeit oder in Gruppenarbeit (kooperatives Lernen).
In völliger Freiheit, also ganz ohne Regeln, funktioniert auch diese Methode nicht:
Es gibt klar formulierte Aufgabenstellungen, einmal eingeschlagene Lösungswege und angefangene Aufgaben sollen zu Ende geführt werden und Ordnung, Rücksichtnahme auf andere und soziale Kompetenzen werden hier ebenso gefordert wie gefördert.
Die elementaren Umgangsregeln für die Freiarbeit werden sinnvollerweise mit den Kindern zusammen erarbeitet. Sie nehmen Regeln ungemein ernst, wenn sie von ihnen selbst im Dialog ausgehandelt wurden und daher als ihre eigenen Regeln zum Vorteil aller begriffen werden.
Regeln für die Freiarbeit könnten beispielweise wie folgt lauten (vgl. Bairlain/Kuyten 2003, Seilnacht, s.o.):
- Überprüfe das Material auf Vollständigkeit!
- Behandle das Material sorgfältig!
- Lege das Material nach der Arbeit vollständig an seinen Platz zurück!
- Räume den Arbeitsplatz nach einer beendeten Arbeit auf!
- Störe niemand bei der Arbeit!
- Arbeite und spiele leise!
- Hilf anderen oder lass dir helfen!
- Brauchst du Hilfe, frage erst einmal andere Kinder. Erst danach bitte bei der Lehrkraft um Umterstützung.
- Protokolliere in deinem Heft, was du gearbeitet hast!
Eine begonnene Arbeit soll möglichst beendet werden, bevor eine neue begonnen wird. Eine langfristig angelegte Arbeit kann unterbrochen und an den folgenden Tagen beendet werden.
Die Umgangsregeln können jedem Kind auf einem Regelblatt ausgehändigt werden. Sinnvoll kann auch ein Plakat an der Wand des Klassenraums sein oder Impulskarten, auf denen einzelne Regeln per Symbol verdeutlicht werden. Wird es während der Freiarbeit beispielsweise zu laut, kann jeder auf das Plakat verweisen oder die Lehrkraft hält die entsprechende Symbolkarte hoch.
Die Kinder führen während der Freiarbeit zum Teil sehr unterschiedliche Aufgaben nebeneinander aus.
Das präsentierte didaktische Material spricht idealerweise unterschiedliche Sinnesqualitäten an und ermöglicht die Arbeit in verschiedenen Sozialformen. Freiarbeit berücksichtigt also gleichermaßen kognitive, instrumentelle, emotionale und soziale Aspekte.
Die Kinder dürfen dabei festlegen, mit wem sie arbeiten und dürfen auch die Reihenfolge ihrer Aufgaben selbstständig festlegen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt aber müssen alle vorher ins Auge gefassten Aufgaben erledigt sein.
Täglich wird die geleistete Arbeit dokumentiert und gegebenenfalls der ganzen Lerngruppe präsentiert.
Um die erklärten Ziele dieser Methode erreichen zu können, ist eine sorgfältige Vorbereitung hinsichtlich der Her- und Bereitstellung von Freiarbeitsmaterialien, ihren Inhalten, der Gestaltung des Klassenraums sowie ein kooperatives Verhalten von direktion und Kollegium sowie die Offenheit der Eltern unbedingt notwendig.
Eine kontinuierliche, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Lehrkräften und den Erziehungsberechtigten ist im Interesse der Kinder von besonderer Bedeutung.
Bereits im Vorfeld der Einschulung können über Informationsabende die Prinzipien der Freiarbeit vorgestellt und die besondere Arbeitsweise erläutert werden.
Auch die „Vorbereitete Lernumgebung“ in den Klassenräumen genauer zu kennen und eine Erläuterung der konkreten Unterrichtsarbeit und der Materialien können helfen, eventuelle Vorbehalte bei Eltern auszuräumen.
Den Eltern Einblick in die schulische Arbeit zu geben und sie nach Möglichkeit in den Schulalltag einzubeziehen hat überdies den Vorteil, dass Eltern die Lehrkräfte nach Absprache in der Freiarbeit unterstützen können. Dies ist dient auch der Öffnung der Schule nach außen.
Gibt es entscheidende Vorteile der Freiarbeit?
Freiarbeit weckt und fördert die Neugier, wirft Fragen auf und kitzelt damit das Interesse am Lernen. Denn Lernen - das hat die moderne Neurobiologie erwiesen - findet dann statt, wenn die Umwelt Herausforderungen und Probleme bietet, die mit dem vorhandenen Wissen nicht mehr gelöst werden können. Lernen findet freiwillig statt „wenn der Mensch an Grenzen stößt und Herausforderungen nicht mehr meistern kann. Das ist auch dann der Fall, wenn Kinder ihre Fragen nicht mehr mit ihren eigenen Antworten beantworten können“ (Antje Tschira: Wie Kinder lernen und warum sie es manchmal nicht tun. Carl Auer 2005, S. 129f.) Bei Maria Montessori ist das der „psychologische Schlüssel“. Das Kind wird in dieser Situation eigenverantwortlich aktiv: es verhilft sich selbst zu Lernerfolgen, anstatt passiv referiertes Wissen aufzunehmen. Durch die Selbststrukturierung seines Lernprozesses in der Freiarbeit kann das Kind ein Problem oder ein Thema aus der Entstehung des eigenen Lernprozesses heraus ergründen (vgl. Seilnacht, s.o.). Was neu und wichtig ist, entscheidet das Kind selbst. Welche Fragen es sich stellt und wie es sie beantwortet, liegt ebenfalls in seinerm ermessen. Dabei ist es den Pädagogen in der Nachfolge der Montessori-Pädagogik ganz gleich, ob Kinder eine Lösung für ein Problem durch Ausprobieren suchen, durch gezielte Fragen oder die selbständige Recherche nach Antworten oder ob sie in der Zusammenarbeit mit anderen Kindern lernen. Der Lerneffekt ist – das haben Studien nachgewiesen - ungleich höher, wenn eigenständig, motiviert und dem individuellen Lerntyp und Entwicklungsstand entsprechend gelernt werden darf. Gleichzeitig werden Selbstvertrauen und soziale Kompetenzen wie Verantwortungsbewusstsein und Rücksichtnahme (Teamfähigkeit) gestärkt. In der Freiarbeit wird die Gesamtpersönlichkeit entwickelt.
Freiarbeit als Methode basiert auf der Grundannahme, dass Kinder lernen wollen und dies auch eigenständig tun können. Wenn Lernen als selbstbestimmte Konstruktion von Wissen und nicht als fremdbestimmte Übertragung des Wissens von einer Person auf die andere begriffen wird, dann muss Freiarbeit insbesondere auf die Eigenständigkeit der Lernenen und ihre freie Wahl der Lerngegenstände und Lernformen etc..
In diesem aktiven, Interessen geleitete Tätigsein lernen die Kinder, eigene Entscheidungen zu treffen, aktiver und selbständiger zu werden und sich selbst zu verwirklichen.
Die freie Aufgabenwahl und Selbstbestimmung des eigenen Lerntempos - das individuelle Arbeiten, das Freiarbeit ermöglicht - vermindert die Gefahr eines gleichschrittigen Unterrichts, der Unter- oder Überforderung der Lernenden. Eine erhöhte Individualisierung und innere Differenzierung wird möglich.
In ihrem individuellen Lernprozess entdecken die Lernenden eigenständig, welche Informationen, Wissensvorräte, Lernstoffe usw. ihnen zur Bewältigung ihrer Arbeitsaufgabe fehlen und wenden sich dabei auch bereits gelerntem Stoff wieder zu. Sie lernen also nicht linear, sondern pendelnd oder kreiselnd.
Freiarbeit schafft also günstige Rahmenbedingungen für Individualisierung und Differenzierung und lässt der Lehrkraft gleichzeitig mehr Raum zur Beobachtung.
Sie eignet sich damit insbesondere für Lehrsituationen mit heterogenen Lerngruppen mit Lernenden unterschiedlichsten Förderbedarfs.
Freiarbeit trägt zur gesamten Persönlichkeitsentwicklung bei: die Kinder entdecken eigene Lösungsmöglichkeiten, lernen ihre Fähigkeiten realistisch einzuschätzen, ihre Arbeit selbständig zu planen, zu organisieren und zeitlich einzuteilen. Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Eigenverantwortlichkeit, das Einschätzen eigener Fähigkeiten und das Reflektieren der Konsequenzen des eigenen Handelns werden hier umfassend geübt. Freiarbeit „[…] macht den Schüler mündig und verantwortungsfähig, Lernprozesse selbst zu steuern. Wer lernfähig ist, wird ein später auf ihn zukommendes Problem leichter bewältigen.“ (Seilnacht, s.o.)
Gibt es Nachteile der Freiarbeit?
Es gibt wohl weniger der Freiarbeit immanenten Nachteile, sondern vielmehr ganz konkrete Gefahren unsachgemäßer Umsetzung von Freiarbeit im Offenen Unterricht.
Freiarbeit ist eine anspruchsvolle Unterrichtsform, deren Erfolg an die Lehrkräfte und Kinder gleichermaßen hohe Anforderungen stellt. Daher bedarf es einer gründlichen Vorbereitung und Einführung durch die Lehrkräfte. Andernfalls kann die Freiarbeit ihrem eigenen Anspruch nicht genügen.
Freiarbeit unzureichender Qualität befeuert letztlich die gängigen Vorurteile: Freiarbeit wird oft gleichgesetzt mit Kindern, die nur durch die Klasse rennen, fehlender Disziplin, faulen Lehrern, die sich die Zeit für eine solide Unterrichtsvorbereitung sparen, sich selbst überlassenen Kindern, unmöglicher Leistungsbeurteilung und vielem mehr (vgl. Heinrich, Karin, Kinder arbeiten (sich) frei. Wie eine Grundschule Schule der Kinder sein kann, Essen 1991, S. 23.; Zu bedingungen von Freiarbeit als ernsthafter Unterrichtsform vgl. Ladenthin, V.: Freiarbeit als Unterrichtsform. In: Rekus, J. (Hrsg.): Grundfragen des Unterrichts. Bildung und Erziehung in der Schule der Zukunft. Weinheim München 1998, S. 213-226)
Die Methode der Freiarbeit hat das Ziel, die Schüler in einem ausgefeilten Prozes zu eigenständigen, selbsttätigen Lernern werden zu lassen, indem sie die Steuerung der Lernprozesse in deren eigene Hände legt.
Das Schulsystem ist in Deutschland erzieht Kinder momentan eher zu einem Individualkämpfer als etwa Teamgeist oder Gruppenarbeit zu fördern.
Bleiben Kooperation und wechselseitige Unterstützung ungeübt, kann die freie Arbeit in einer Lernlandschaft mit einem facettenreichen Lernangebot nicht erfolgreich sein.
Um frei arbeiten zu können, müssen gemeinsam Ordnungsregeln gefunden und vereinbart werden, mit denen die organisatorische Selbstständigkeit gewährleistet wird.
Anfangs fehlen den Kindern oft die für die Freiarbeit notwendigen Voraussetzungen wie Arbeitstechniken, Lernstrategien und Wissen über Kontroll- und Korrekturmöglichkeiten. Der Lernprozess gerät aber zum Chaos, wenn die Kompetenz zur selbständigen Arbeit und zur Zusammenarbeit nicht geschult werden!
Freies Arbeiten bedarf daher einer langsamen und gut geleiteten Einführung, um die Lerner, aber auch die Lehrer, mit ihrer neuen Verantwortung nicht zu überfordern.
„Bei einer Klasse, welche Freiarbeit nicht gewohnt ist, sollte behutsam vorgegangen werden. Die Öffnung des Unterrichts ist ein langer und schwieriger Weg, auf dem alle Beteiligten zu Lernenden werden.“ (Seilnacht, s.o.)
Maßnahmen, die den Erfolg der Freiarbeit sicherstellen:
- Lernangebote anfangs auf wenige Materialien beschränken = Entscheidung treffen erleichtern
- deutlich vermitteln, dass es nicht darauf ankommt, möglichst schnell möglichst viele Arbeitsmittel abzuarbeiten = Ausdauer und Konzentration auf selbstgewähltes Arbeitspensum ermöglichen
- Betonung des Werts von intensiver Kooperation = Absprachen, Einigung, kooperatives Lernen fördern, eventuell Betonung des „Expertenprinzips“: für einzelne Materialien gibt es Experten unter den Kindern, die speziell in die Aufgabenstellung eingeführt wurden und bei Unsicherheiten von ihren Mitschülern um Rat gefragt werden können.
- offener Zugang aller Materialien, deutliche und übersichtliche Struktur der vorbereiteten Lernumgebung, deutliche Kennzeichnung von Sachgebieten, Aufgabenstellungen und Schwierigkeitsgraden = die Umgebung bleibt auch für jüngere Kinder überschaubar, mühelosere Orientierung, höhere Motivation, selbstständiges Arbeiten ist möglich
- Gestaltung des Materials: Aufgabenstellung genau auf Leistungsfähigkeit der Schüler abgestimmt, Selbstkontrolle eindeutig, verständlich, leicht anzuwenden
- neue Lernschritte erst im Unterricht erarbeiten und dann erst in der Freiarbeit üben und festigen
- Betonen, dass es völlig in Ordnung ist, Fehler zu machen = Mogeln vermeiden, Spaß an der Arbeit fördern und die Freude ermöglichen, aus eigener Kraft etwas geschafft oder geschaffen zu haben. (Den Zugang zur Selbstkontrolle zu erschweren, erleichtert es schnell verzagenden Lernenden, den eigenen Weg selbständig bis zum Ergebnis zu gehen.)
Wie sieht Freiarbit in der Praxis aus?
Die ermutigende und unterstützende Beratung durch die Lehrkraft und das Freiarbeitsmaterial, mit dem sie die Vorbereitete Umgebung gestaltet, sind die wichtigsten Voraussetzungen für das individuelle Lernen.
Das Freiarbeitsmaterial
(Kopiervorlagen, Lernspiele, Lernwerkstätten, Lernzirkel, Stationen ...) enthält eine gezielte Fragestellung und bietet dazu umfangreiches Aufgaben-, Übungs- und Informationsmaterial für die Lösung an.
Dabei kann Freiarbeit
- auf ein Unterrichtsthema vorbereiten (Beispiele: Lernwörtersammlungen erstellen, Phänome beobachten und beschreiben, Experimente durchführen);
- ein Unterrichtsthema vertiefen (Beispiele: Wissensquiz, Experimente, Lernkarteien);
- ein Unterrichtsthema erarbeiten (Beispiel: Begriffe müsen in einem Lexikon nachgeschlagen werden);
- ein Problem transparent machen (Beispiel: Experimentieraufgabe in der Sachkunde);
- Verknüpfungen zu anderen Unterrichtsfächern herstellen (Beispiel: fäcchrübergreifende aufgbenstellungen, Gedichte oder Texte zu einem sachkundlichen Thema sollen erstellt oder gelesen und und interpretiert werden);
- psychomotorische Förderung ermöglichen (bei allen praktischen Tätigkeiten wie experimentieren, kleben, ausschneiden, sortieren etc.)
Das Freiarbeitsmaterial sollte:
- möglichst viele Sinne ansprechen.
- mit klaren Arbeitsaufträgen eine selbständige Bearbeitung der Aufgaben ermöglichen
- die Möglichkeit der Selbstkontrolle bieten
- mit Materialien in verschiedenen Schwierigkeitsgraden eine individuelle Differenzierung ermöglichen
Jeder Posten ist in einem stabilen Kasten untergebracht (Holzkiste, Karton u.ä.) und enthält:
- Arbeits- oder Spielanleitung
- Freiarbeitsmaterial
- Material zur Selbstkontrolle (evt. auch extra Lexikon oder Karteikarten)
Eine Inventarliste ist für die turnusmäßige Überprüfung des Freiarebeitsmaterials auf Vollständigkeit hilfreich. (vgl. Seilnacht, s.o. )
Die Lehrkraft hat hier die vorrangige Aufgabe, Unterstützung anzubieten, wann immer Kinder auf demotivierende Schwierigkeiten stoßen.
Das Überprüfen der Lösungen dagegen ist zweitrangig. Freiarbeitsmaterial ist wie klassiches Montessori Material so konzipiert, dass die Kinder anhand der Selbstkontrolle sofort selbst erkennen können, ob sie die Aufgabe erfolgreich gelöst haben.
Der Raum in dem die Freiarbeit stattfindet, muss eine vorbereitete Umgebung sein, in der die Lernangebote frei zugänglich sind. Die Kinder sollen sich im Raum frei bewegen können und dabei auch die Möglichkeite haben, sich an Arbeitspllätze zurückzuziehen und ungestört arbeiten zu können.
Es ist wichtig, dass das Klassenzimmer nicht nur Lern- und Arbeitsraum ist, sondern auch ein Raum, in dem die Kinder sich wohlfühlen und mit dem sie sich als "ihrem" Raum identifizieren. Dadurch wächst die Bereitwilligkeit und das Interesse am Lernen.
Während der Freiarbeit finden in einem Lernraum gleichzeitig völlig unterschieldiche Tätigkeiten statt. Der Raum sollte deshalb von vornherein - beispielsweise durch Raumteiler - in verschiedene Zonen aufgeteilt werden:
Bastel- und Ausstellungsraum
Experimentierraum
Musikbereich
Lesestube ...
Eine besondere Rolle spielt die Positionierung des Materials und seine übersichtliche Anordnung und gute Erreichbarkeit für alle Kinder.
Zeitlich sollte die Freiarbeit einen festen Platz im Stundenplan erhalten und möglichst täglich und nach fest vereinbarten (Verhaltens-)Regeln stattfinden.
Dazu gehört auch eine geeignete Form der Dokumentation beabsichtigter und geleisteter Arbeiten.
Das Material (z.B. Lernkarteien, Klammerkarten, Dominos usw.) gilt als entscheidendes Element der Freiarbeit. Nur geeignetes Material regt die Kinder an und ermöglicht selbstständiges Arbeiten durch Selbstkontrolle.
Geeignetes Material heißt, dass es im Grundschulbereich kindgemäß und später lernergemäß ist und dem jeweiligen Entwicklungsstand angepasst wird. Idealerweise bauen die Materialien aufeinander auf und sind miteinander verknüpft, und ermöglichen so einen fortlaufenden Lernprozess.
Eine eigenständige Erarbeitung von Lerninhalten und die selbständige Auseinandersetzung mit ihnen sollen durch die Materialien nicht nur ermöglicht, sondern über einen hohen Aufforderungscharakter auch unbedingt angeregt werden.
Dabei müssen die Lernmittel zugleich den unterrichtlichen Vorgaben der Bundesländer entsprechen.
Hergestellt wird es am besten aus Pappe - der besseren Haltbarkeit und mehrfachen Verwendung mit Folienstiften wegen sollte sie laminiert werden.
Wichtig ist auch, dass der Schwierigkeitsgrad für alle Kinder einsichtig und zu bewältigen ist.
Um hingegen Interesse und Neugier zu fördern, ist es wichtig, dass das Material Anreiz- und Spielcharakter besitzt und auch optisch anspricht.
Im Blick auf den sozialen Umgang stellt es zudem einen wichtigen Faktor dar, dass das Material zur Kooperation anregt.
Überblick über das gesamte Material zu behalten, ist es für Freinet im Grundschulbereich sehr sinnvoll, von Beginn an eine Unterteilung in die Bereiche Sinne, Gestalten, Lesen, Schreiben, Rechnen, Sachunterricht und Spielen vorzunehmen. Bei allen Materialarten/-formen geht es vorrangig um eine selbst kontrollierte und handelnde Beschäftigung.
Materialbeispiele aus dem Grundschulbereich:
- Kärtchen einander zuordnen
- Klammerkarten
- Dominos
- Karten für die Setzleiste
- Lese- und Schreibpuzzle
- Einmaleinsbingo
- Experimente
- Merkspiele, Konzentrationsspiele: Memory
- Geschicklichkeitsspiele (Schwungübungen z.B.) ...
Freiarbeitsmaterial kann in unterschiedlichen Organisationsformen angeboten werden:
es gibt Materialien für die Freiarbeitsecke, Lernen an Stationen bzw. Lernzirkel, Lerntheken, Lernwerkstätten ...
Zu Beginn der Arbeit an einem neuen Thema steht die Einführung:
- Vorstellen der einzelnen Freiarbeitsmaterialien- Einführung in die Verwednung des Laufzettels, Freiarbeitsheftes o.ä., mit dessenHilfe die Arbeit dokumentiert wird. - Erarbeiten oder Auffrischen der Umgangsregeln für die Freiarbeit
Ein typischer Arbeitszyklus der Freiarbeit umfasst dann mehrere Phasen:
Beginn der Arbeit
Zunächst entscheidet sich das Kind für eine Arbeit und holt zur Vorbereitung alle benötigten Materialien an seinen Platz, den es sich zum Arbeiten ausgesucht hat.
Dazu mag gerade während der Einführung in die Freiarbeit ein Vorgespräch mit der Lehrkraft notwendig sein, in dem die Grundprinzipien und konkrete Arbeitsregeln der Freiarbeit immer wieder aufgefrischt werden, und das Kind in seinem Entscheidungsprozess unterstützt wird, was, wo und mit wem es arbeiten möchte.
Vertiefung
Dann folgt die Phase der Vertiefung in die Arbeit. Sie kann je nach Kind von unterschiedlicher Intensität und Ausdauer sein. Hier kann das Kind zur „Polarisation der Aufmerksamkeit“ kommen.
Reflektion und DokumentationEtwa 5 Minuten vor dem tatsächlichen Ende der Freiarbeitszeit wird ein Signal gegeben. So haben die Kinder genügend Zeit ihre Arbeit abzuschließen und den Arbeitsplatz aufzuräumen.
Die letzte Phase ist diejenige der Ruhe, in dem das Kind Rückblick auf die geleistete Arbeit hält, sie dokumentiert und sich dabei mit der Lehrerkraft oder mit anderen Kindern über seine Erfahrungen und Erkenntnisse austauschen kann. Dies trägt dazu bei, dass de Kinder sich ihrer selbst, der Mitschüler und der Lernerfahrungen noch bewusster werden. Auch eventuell aufgetretene Probleme können in dieser Phase besprochen werden.
Je nach Gestaltung dieser Phase üben die Kinder hier, sich sich für die Arbeit anderer zu interessieren, zuzuhören und auch ihre eigene Arbeit, ihre Erfolgserlebnisse aber auch ihre Schwierigkeiten und Probleme darzustellen und zu verbalisieren.
Auf diese Weise werden Empathiefähigkeit wie realistische Einschätzung und Bewertung der eigenen Person gefördert.
Fortsetzung folgt ...
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